So sehr belasten uns die kleinen, unerledigten Aufgaben des Alltags

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Zuerst erschienen auf: www.mitvergnuegen.com | Datum: 09.04.2017

Es beginnt mit dem Wegräumen der Keks- und Chipsdosen, geht weiter mit einem Besuch im Biomarkt, um wieder vernünftige und gesündere Nahrung zu kaufen und endet mit einem neuen Trainingsplan an der Zimmertür. Yoga, joggen und Radfahren: der Körper freut sich über seinen Neustart.

Doch die Reinigung des eigenen Selbst reicht noch nicht aus. Man will mehr, will das eigene Umfeld erneuern, verschönern und verbessern. Also werden Kräuterbeete neu gepflanzt, Fenster geputzt, Wände gestrichen, neue Bettwäsche gekauft oder die Wohnung umgestellt. Das eigene Feng Shui wird wieder hergestellt – alles zurück auf “Los”.

Wir misten immer nur unsere Wohnung aus, nie unseren Kopf

Aber da war doch noch was – die Liste. Eine Liste, die absichtlich in die hintersten Speicherräume des Gehirns verfrachtet wird, mit Dingen, die man schon seit Monaten, vielleicht auch Jahren vor sich herschiebt. Vielleicht schreibt man diese Liste in Gedanken jedes Jahr neu, kann im besten Fall auch einige Sachen darauf abhaken, aber bestimmte Punkte bleiben immer bestehen. Und oft genug wird sie einfach nur Jahr um Jahr ein Stückchen länger. Fast jeder von uns trägt so eine geheime Liste mit sich herum.

Auf meiner eigenen Liste zum Beispiel sammeln sich besonders so unangenehme Langzeitprojekte wie Abstellkammer ausmisten, Zeitungen wegschmeißen, alte Kleidung aussortieren und Fotobücher von verjährten Reisen anfertigen. Diese Dinge schiebe ich immer vor mir her, weil sie viel Zeit in Anspruch nehmen und manchmal auch ein Schwank ins Sentimentale sein können. Kleidung aussortieren kapituliert mich jedes Mal an die Ereignisse zurück, wo ich sie getragen habe. „Oh, da war ich Eis essen mit Simone!“ und „Aw, dieses Kleid trug ich bei meinem ersten Date mit Fritz.“

Die Sachen kann ich dann natürlich nicht mehr wegwerfen. Die Abstellkammer auszumisten ist einfach nur körperlich anstrengend und zeitaufwendig, obwohl es am Ende doch auch sehr befriedigend sein kann, wenn man den lang vermissten Raclette-Grill unter all den Pfandflaschen und leeren Kartons wiederfindet.

Dinge auf der Kleinmistliste rauben heimlich Energie

Neben diesen „Großbaustellen“ befinden sich aber auch „Kleinbaustellen“ auf der Liste. Kleinigkeiten, die so unscheinbar und überhaupt nicht nennenswert sind, nehmen trotzdem Platz weg. Kleinmist eben. “Tatjana schreiben, Guido Fotos schicken, GEZ einzahlen”, steht da bei mir. Einfache Dinge, die in Minuten erledigt sein könnten, aber schon Monate unerledigt sind. Diese Dinge belasten mich oft mehr als die vollgemüllte Abstellkammer. Diese Dinge sind in meinem Kopf mal mehr mal weniger präsent, aber sie verbrauchen heimlich, aber stetig Energie wie ein Fernseher im Stand-By-Modus. Sie hindern mich, wirklich frei zu sein und nehmen mir die nötige Leichtigkeit, um mich den wirklich wichtigen Dingen zu widmen. Auf einmal verwandeln sich diese kleine Aufgaben in große Lebensaufgaben. Der Kleinkram stapelt und häuft sich, bis man den Überblick verliert und jedesmal wieder unverrichteter Dinge aufgibt, bevor man überhaupt begonnen hat. Doch muss das sein?

Kann man nicht auch rational und effizient die innere Liste abarbeiten, genau wie man eine Abstellkammer ausmistet?

Die kleinen Dinge in meinem Kopf verbrauchen heimlich, aber stetig Energie wie ein Fernseher im Stand-By-Modus.

Drei Kategorien: Menschen, Dinge, Inspiration

Ich stellte mir die Frage ziemlich lang, bis ich schließlich nach Monaten die notwendige Kraft und Motivation hatte, “Ja” zu dieser Frage zu sagen und meine persönliche “Kleinmist-Liste” in Angriff zu nehmen. Ich schrieb die imaginäre Hinterkopfliste auf ein Blatt Papier und unterteilte sie in drei Kategorien: “Menschen”, “Dinge” und “Inspiration”.

Als erstes nahm ich mir die am ungefährlichsten wirkende Dinge-Liste vor. Die ging erstaunlicherweise schnell zu erledigen. Ich bestellte die “Tegan & Sara”-DVD, schloss ein Probe-Abo meiner Lieblingszeitung ab und zahlte die GEZ ein. Beglich meine Schulden bei Silvia und forderte mein geliehenes Geld bei Viktor ein. Ging mir dann fast doch irgendwie zu schnell.

Pragmatismus und Überwindung sind die Zauberworte. Und: bloß nicht zu viel dabei nachdenken.

Als nächstes konzentrierte ich mich auf die schon schwierigere Kategorie Menschen. Ich versuchte mich zu erinnern, warum es für mich so schwer war, Tatjana zu schreiben. Meine Gedanken sprangen hin und her und ich wusste eigentlich gar nicht mehr, was geschehen war, weshalb ich jetzt so einen Kloß im Magen hatte, wenn ich an sie dachte. Also schrieb ich ihr schnell eine unverfängliche Nachricht, mit der nichts schiefgehen konnte. Puh, geschafft.

“Mama anrufen” stand auch auf der Liste, aber das hab ich dann absichtlich nach hinten verschoben, dieses mehrstündige Gespräch würde mich jetzt nur aus dem Workflow bringen. “Ute schreiben wegen Tipps für Portugal”, “Hedwig fragen, ob sie denn da und da Zeit für einen Besuch hat”,“Katja schreiben und mich entschuldigen, das ich sie damals versetzt habe” Ui, dass war dann schon schwieriger. Aber nicht unschaffbar – Pragmatismus und Überwindung sind die Zauberworte. Und: bloß nicht zu viel dabei nachdenken.

Inspiration ist Beste!

Letzte Kategorie: “Inspiration”. Eigentlich die beste Kategorie, denn da stehen Filme und Bücher drauf, die ich unbedingt sehen und lesen will und auf keinen Fall vergessen darf. Aber da ich bei Sachen, die mir wichtig sind, von mir eine gewisse Perfektion erwarte, werden diese Pläne zur Horizonterweiterung plötzlich zur Last und ich bremse mich selber aus. Ziemlich dumm eigentlich – und schade um die schöne Zeit, die ich mit den Filmen und Büchern eigentlich hätte schon längst haben können. Ich beschließe, klein anzufangen: Für heute Abend suche ich mir einen Film aus. Zur Belohnung, aber auch zum Beweis, dass ich die Dinge auf der Liste wirklich angehe.

Plötzlich werden die Pläne zur Horizonterweiterung zur Last.

Also atme ich tief ein, atme tief aus. Ich hab fast die gesamte Liste geschafft, dieser Erfolg gehört gefeiert. Ich fülle mir ein Achterl Wein ein, dimme das Licht und mache es mir gemütlich. Es müssen nicht immer die großen Dinge sein, die einem schwer fallen. Kleinvieh macht auch Mist. Es ist herausfordernd und anstrengend und bedarf einer gewissen Planung, aber sind diese Sachen mal erledigt, kann man sich dann auch wieder entspannt den wirklich wichtigen Dingen im Leben widmen – der Film startet. Während des Abspanns leuchtet dann mein Telefon: Meine Mutter ruft an. Tja, manche Dinge auf so einer Liste lösen sich eben auch von selbst.